Ich interessiere mich für den Zusammenhang der (Re-)Produktion sozialer Ordnung i.S.v. sozialer Herrschaft und die Rolle, die dabei einerseits Bewertungsprozesse und andererseits der Leibkörper und Affekte einnehmen.  Im Speziellen geht es mir darum, wie sich spezifische Bewertungsordnungen in uns einschreiben und so unser Wahrnehmen, Denken und v.a. Fühlen und so unser Handeln anleiten, kurzum: unser Sein prägen. Hauptfrage meines derzeitigen Forschungsprojektes "Selbst.Wert.Gefühl" ist von daher: Was ist die legitime Subjektstruktur der (Spät-)Moderne? Siehe hierzu auch weiter unten.

Eine schöne Darstellung dieses Interesse ist das Bild, welches den Hintergrund meiner Website bildet. Es ist ein von mir vor einigen Jahren fotografiertes Graffito im U-Bahnhof Schönleinstraße in Berlin. Sehr pointiert wird hier ein Bewertungsprozess dargestellt, der nicht explizit verbalisiert wird, sondern sowohl auf seiten des Bewertenden als auch auf seiten des Bewerteten eine stark leibkörperliche und für uns auch leicht imaginierbare affektive Komponente aufweist. Es geht um relative Aufwertung durch die Abwertung anderer und die Übernahme derartiger Abwertungen. Es geht darum, dass das eine groß, selbstbewusst, handlungswirksam macht und das andere klein, entmutigt, schambesetzt. Es geht darum, dass Bewertungen nur vor dem Hintregrund von bestimmten Wertordnungen stattfinden können, die dadurch aber auch immer (erst) (re-)produziert werden können. Es geht um die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, die derlei Bewertungsprozesse annehmen können. Es geht darum, dass auch Gefühle ein gewichtiger Teil von Bewertungsordnungen und -praktiken darstellen, die uns individuell und subjektiv erscheinen, aber eben alles andere als das sind und vielmehr einen gewichtigen Anteil an der (Re-)Produktion sozialer Herrschaft darstellen.

 

Abstract Forschungsprojekt Selbst.Wert.Gefühl

Das grundlagenforschungsorientierte Promotionsprojekt aus dem Bereich der Soziologischen Theorie fragt danach, welche Art von Subjekt in der (Spät-)Moderne grundlegend die anerkannte, die legitime Subjektform darstellt. Es stellt die These einer (spät-)modernen Selbstwertnorm auf, die auf praxiserzeugender Ebene der Subjektstrukturen sich selbst wertschätzende Subjekte, oder, genauer ausgedrückt, praktisch affektiv-wertschätzende Selbst-/Weltbezüge prämiert. Selbst-/Weltbezüge, die von dieser Norm abweichen, also Subjekte, die nicht praktisch-wertschätzend auf sich zugreifen können, erscheinen infolge dessen als illegitim. Diese These wird im Rahmen des Forschungsprojektes sowohl theoretisch als auch empirisch fundiert. Sie gründet zum einen auf einer neuerlichen Rekonstruktion der Sozial- und Gesellschaftstheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieus, die insbesondere seine bislang weitestgehend vernachlässigten subjektivierungs-, affekt- und bewertungstheoretischen Konzeptualisierungen systematisch entfaltet. Zum anderen baut sie auf einer Untersuchung von psychischen Krankheiten auf, da diese einen besonders geeigneten Testfall für die hier aufgestellte These im Sinne einer besonders illegitimen sozialen Praxis darstellen. Im Sinne von Einzelfallstudien werden derart ausgewählte Krankheitsbilder hinsichtlich ihrer Praxis(-genese und -transformation) untersucht. Es wird insofern ein neuartiger analytischer Zugriff auf das Phänomen psychische Krankheiten vorgeschlagen, der die Praxis des Wahnsinns fokussiert. Die Arbeitshypothese ist dabei, dass Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft als psychisch krank markiert werden, in besonders eklatanter Weise von dem in der Selbstwertnorm implizierten praktisch affektiv-wertschätzenden Selbst-/Weltbezug als praxiserzeugendem modus operandi abweichen. Die Arbeit stellt damit einen Beitrag zur (spät-)modernen Gesellschaftsanalyse dar. Durch die Explikation von Bourdieus impliziter Subjektivierungs-, Affekt- und Bewertungstheorie liefert sie zudem wichtige Impulse für die Subjektivierungsanalyse, die Affekt- und Bewertungssoziologie. Sie erweitert und konkretisiert damit unser Verständnis der Bedingungen von Reproduktion und Wandel sozialer Strukturen, v.a. in Gestalt von subjektivierten Herrschaftsstrukturen. Zusätzlich zeigt sie das gesellschaftsanalytische wie sozialtheoretische Potenzial einer praxistheoretischen Analyse von als abweichend markierter sozialer Praxis auf, insbesondere im Hinblick auf psychisch krank oder gestört markierte Praxis als einer besonders naturalisierten Form sozialer Herrschaft.